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Kapitel I

Die laute Musik, die vielen Menschen, der beißende Geruch von Zigarettenqualm in den Augen - all dies ließ nur einen Schluss zu.

Er befand sich in einer Disco.

Es war nicht irgendeine Disco. Er war in der ‚Fabrik‘ in Kiel, mochte das auch keinen Sinn ergeben. Es war auch nicht der Ort, der seine Verwunderung erregte, es war vielmehr seine Erinnerung an den Weg, den er zum Erreichen der ‚Fabrik‘ zurückgelegt haben musste.

Da war keine Erinnerung.

Er fühlte sich viel zu frisch und ausgeruht für einen alles vergessend machenden Rausch. Er machte sich auch nicht viel aus Alkohol. Seine Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren, war viel zu groß.

Er versuchte, sich zu erinnern.

Er war gegen 22 Uhr mit ein paar Kumpels aufgebrochen und sie waren eine halbe Stunde später hier angekommen. Nichts Verwunderliches war dabei. Nur, dass er drei Stunden später wieder aufgebrochen, den nächsten Bus genommen hatte und kurz darauf selig in seine Kissen gesunken war. Dieser Teil der Erinnerung gab dem ganzen etwas Mysteriöses, um nicht zu sagen, etwas Unheimliches. Er war der festen Überzeugung, dass dieses noch keine ganze Stunde zurück lag.

Es gab nur eine Schlussfolgerung. Dies war ein Traum.

Oder war dies die Realität und er hatte sein Weggehen nur geträumt? Unsinn. Die Erinnerung daran war viel zu real und wirklich. Und vor allem, wie sollte er bei diesem Krach eingenickt sein? Obwohl, die Disco um ihn herum war beeindruckend echt, so echt, wie er es in keinem Traum zuvor erlebt hatte. Er konnte sogar die hämmernden Bässe der direkt vor ihm aufgebauten Boxen in seinem Magen spüren. Und normalerweise machte er sich in Träumen keine Gedanken darüber, ob er träumen würde. Zumindest soweit er sich erinnern konnte.

Das alles war seltsam.

Er hätte sich natürlich einfach kneifen können. Aber zum einen käme er sich dabei ziemlich blöde vor und zum anderen, wenn es dieser Traum schon schaffte, Bässe in seinen Magen fahren zu lassen, dann würde er wohl auch noch einen Kniff simulieren können.

Und einfach jemanden fragen?

Sein Traumzentrum im Gehirn würde nicht so dumm sein, sich so leicht überlisten zu lassen. Und wenn dies hier doch die Wirklichkeit war, gab es wohl keine bessere Möglichkeit, sich lächerlich zu machen. Höchstens, indem er sich gleichzeitig noch kniff.

Das Beste schien ihm zu sein, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten. Jeder Traum hatte schließlich früher oder später etwas Herausragendes aus seinem Leben in verfremdeter Form zum Thema. Diente er doch der Verarbeitung von Erlebnissen. Egal, ob nun ein Monster ihn anfiele oder ein traumhaftes Mädchen ihm ihre Liebe gestand – oder beides gleichzeitig. Etwas geschah immer. Und selbst wenn nicht, irgendwann würde sein Wecker klingeln und ihn wieder dorthin zurückholen, wo er hingehörte und wo alles nach normalen berechenbaren physikalischen Gesetzen ablief.

Diese Gedanken beruhigten ihn. Alles war unter Kontrolle. Er lehnte sich zurück und betrachtete interessiert die Welt um sich herum, wie sie so hin und her schwankte im Takte einer kürzlich erst gecasteten deutschen Popstar-Gruppe mit Schluckauf und einem Stotterer als Leadsänger. Er dachte an eine Mülltonne mit fünf darum postierten Personen mit Migrationshintergrund, ein jeder die Finger anormal abgespreizt und heftig die Mülltonne angestikulierend. So, wie es in jedem schlechteren Rap-Video vorkam, inklusive einiger draller Anfang-Zwanzig-Jähriger in viel zu knappen Bikinis.

Als er sich weiter umsah, noch die drallen Tänzerinnen vor dem inneren Auge, fiel sein Blick auf die Frau, die links neben ihm saß. Er kannte sie, schließlich hatte er vorhin, ‚in der Wirklichkeit’, fast den gesamten Abend neben ihr gesessen. Aber über ein flüchtiges ‚Hallo, du auch hier?’ hinaus zu gehen hatte er nicht gewagt.

Er blieb locker. Es war doch ganz normal, dass das, was auch immer für seine Träume zuständig war, dieses Erlebnis zur internen Vergangenheitsbewältigung einbaute.

Sie war ihm schon des Öfteren aufgefallen, vor allem wegen ihrer fröhlichen und offenen Art. Aber er hatte nie den rechten Mut aufgebracht, sie anzusprechen. Oder anders: Es hatte sich nie die passende Gelegenheit ergeben. Auch als sie heute Abend zusammen dagesessen hatten, schien es ihm zu laut, zu voll und überhaupt zu falsch zu sein, hier und jetzt eine Beziehung anzutesten.

Seine Gedanken schwelgten weiter. Jetzt war doch alles ganz anders. Egal, was er auch machen würde, es war schließlich ein Traum. Und das Schöne an Träumen war, dass das Meiste beim Klingeln des Weckers vergessen war. Aber ein geeignetes Testgelände zum Üben war es allemal.

Er wandte sich ihr zu. Gerade wollte er offenbaren, wie ‚nett’ er sie doch fände, als er erschrocken zurückprallte.

Kein Zweifel, das Mädchen neben ihm war dieselbe, wie die von vor wenigen Stunden. Sogar die gleiche Kleidung hatte sie an. Und doch war da etwas, das anders war.

Die Augen.

Jedes Mal, wenn er sie vorher angesehen hatte, waren sie voller Freude und Zuversicht gewesen. In diesem Traum war nichts davon da. Abwesend schauten sie steil geradeaus.

‚Ach egal’, dachte er, ‚schließlich ist das hier mein Traum.’ Und ungeachtet aller Ungewöhnlichkeiten sprach er sie an:

„Hallo.„

Keine Reaktion.

„Hast du was? Kann ich dir irgendwie helfen?„ Nicht sonderlich geistvoll, aber darauf kam es im Traum auch nicht an. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass sich in Wirklichkeit um ihn herum nur sein dunkles Zimmer befand und da, wo sie jetzt langsam begann, ruckartig ihren Kopf zu ihm hinzudrehen, sein Radiowecker stand - mit roten, drohenden Leuchtziffern.

„Bitte?„, stammelte sie, wobei sie durch ihn hindurch schaute.
„Habe dich nur gefragt, ob dir etwas fehlt. Du siehst ein bisschen verstört aus.„
„Was?„ Erst jetzt schien sie ihn richtig wahrzunehmen. „Ach so, nein nein. Ist schon gut. Ich bin nur ein wenig verwirrt. Brauchst dir nichts dabei zu denken.„

Das war ein guter Vorschlag.

Sie kehrte in eine abwesende Haltung zurück. Er dachte daran, was das doch für ein blöder Traum sei, als sie anfügte: „Du bist ... ähm ... Nemo, richtig?„
„Jupp, wie der 20.000 Meilen unter dem Meer.„ Er freute sich. Sie hatte ihn bemerkt, nur schade, dass das alles nur ein Traum war.

„Und du bist Dika?„ Sie nickte.
„Ha, mein Namensgedächtnis ...„ Er lächelte sie an.
Natürlich kannte er ihren Namen, aber wenn dies schon ein realistischer Traum war, dann musste er auch realistisch reagieren.
Sie guckten sich einen Augenblick lang an. Dika wirkte erschrocken. „Was machst du hier?„ flüsterte sie.
‚Eine dämliche Frage‘, dachte Nemo. Was sollte er schon in einer Disco machen? Ob nun Traum oder nicht Traum, in eine Disco ging man nicht, um noch schnell ein Schnäppchen beim Sommerschlussverkauf zu machen. Was mochte sein Traumzentrum damit bezwecken wollen? Ihn testen? Er hasste Prüfungen, besonders, wenn sie unangekündigt waren.

„Nun ja, ich sitze hier herum und unterhalte mich mit dir.„ Eine dämliche Frage verdiente eine dämliche Antwort.
Sie verzog keine Miene. Dann zog sie ruckartig am Ärmel um seinen linken Arm und presste diesen mit ihrer Hand fest um seine Armbanduhr. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, die Welt um ihn herum würde sich verändern. Doch dann war alles wieder wie zuvor.

Endlich schien der Traum interessant zu werden. Er wollte gerade seine andere Hand auf die ihre legen, als sie fragte: „Wie viel Uhr ist es?„

Er erschrak. Gerade hatte er gedacht, es würde sich zu einem der angenehmeren Träume entwickeln. Und nun schien es auf einmal so, als wenn er sich in einem dieser von modernen Autoren so hoch geschätzten surrealistischen ‚inneren Erlebnisse des eigenen Ichs’ befinden würde. Dort, wo nichts zum anderen passt, wo er gerade noch auf dem Klo saß und im selben Moment mit Boris Becker Golf spielte, um dann im nächsten Augenblick auf seinem Teller noch muhendes Fleisch zu entdecken.
Nemo hasste diese Art von Träumen. Sie verwirrten ihn. Auf vorwurfsvoll argumentierendes Essen hatte er keine Lust. Doch verglichen damit war die Frage nach der Uhrzeit noch harmlos.

Er riss sich zusammen und hoffte, dass der Traum vielleicht doch noch zu retten war, wenn er nur ganz normal darauf reagierte. Auch wenn eine Frau, die krampfhaft seine Armbanduhr festhielt, während diese immerhin noch an seinem Arm befestigt war, nach der Uhrzeit fragt, schon ziemlich verrückt schien. Auch leichtes Ziehen und Winden des Armes ließen ihn nicht aus der Umklammerung befreien. Er setzte sein bestes ‚Du bist doch verrückt’-Lächeln auf und erklärte: „Wenn du meinen Arm loslassen würdest, würde ich dir gerne antworten.„
„Nein„, widersprach sie vehement. Sie wirkte gestresst. „Du verstehst das falsch. Ich möchte, dass du mir sagst, was du glaubst, wie viel Uhr es ist.„
Allmählich wurde es Nemo zu bunt. Ein blöder Traum war das. Da musste man ja richtig nachdenken. Und überhaupt, seit wann gab es in Träumen feste Uhrzeiten? Da könnte ja gleich ein Butler durch die Eingangstür der Disco eintreten und ihn fragen, wann er denn aufzuwachen wünsche.

Nemo tat so, als wenn er nachdächte und verkündete dann: „Ich weiß es nicht.„
Dika hakte nach: „Auch nicht so ungefähr?„
„Auch nicht so ungefähr.„
„Das hab ich mir fast gedacht„, sagte sie mehr zu sich selbst und machte ein nachdenkliches Gesicht.
Nemo lächelte sie an. ‚Seit wann können Traumgestalten denken?’ wunderte er sich, behielt diese Frage aber für sich.
„Was hast du dir denn gedacht?„ versucht er das Gespräch in Gang zu halten.
„Ach, war nur so ein Gedanke. Wahrscheinlich völlig ohne Bedeutung. Ich bin über einige Dinge etwas verwirrt. Das ist alles.„
„Nichts in dieser Welt ist ohne Bedeutung„, rezitierte Nemo, ohne zu wissen wen. „Und im übrigen wäre es ganz furchtbar nett, wenn du meinen Arm wieder loslassen könntest. Auf die Dauer ist diese Haltung ziemlich ermüdend.„
„Oh„, stieß sie verlegen aus. „Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Da siehst du, wie verwirrt ich bin. Entschuldige bitte.„ Und sein Arm erlangte die Freiheit zurück.
„Jetzt kann ich dir auch sagen, wie spät es ist.„ Er lächelte, doch sie sah ihn nur leer an.
Ruhig versuchte er die Anzeige seiner Armbanduhr zu lesen, auf der sich deutlich die Schweiß- und Druckspuren von Fingern abzeichneten.
„Es ist genau ... warte ... halb zwei.„
„Nach meiner Uhr ist es aber schon zwei„, entgegnete sie ihm, wobei sie den Gesichtsausdruck eines Menschen annahm, den selbst die Wiederauferstehung von Elvis nicht mehr beeindrucken konnte.
„Sieh selbst: zwei„, forderte sie ihn auf. Dabei hielt sie ihm ihre Swatch triumphierend vor das Gesicht.

Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts auf dem Zifferblatt erkennen. Alles verschwamm vor seinen Augen, je näher er der Uhr kam.

„Und, was siehst du?„
„Ich muss gestehen, ich hab bei den schlechten Lichtverhältnissen hier ein paar Probleme ...„
„Gib es doch zu, du erkennst nichts, oder?„ Sie wurde lauter.
Nemo sah sie fragend an.
„Keine Angst, ich hab auf deiner Uhr auch nichts erkannt. Seltsam, nicht wahr?„
Aber Nemo wollte daran nichts Seltsames finden. Ihm wurde dieser Traum zu dämlich und verworren. Wo war bloß die einsame Insel mit ihren spärlich bekleideten Eingeborenenfrauen geblieben, von der er vor einigen Nächten geträumt hatte? Sein Wecker suchte sich sonst gerne solche Stellen zum Klingeln aus. Aber lange konnte es nicht mehr dauern.

„Und das ist noch nicht alles„, setzte Dika unbeirrt ihre Demonstrationen fort.
„Ich zeig dir noch etwas.„ Ohne sich lange umzuschauen griff sie sich den erstbesten jungen Mann, der an ihnen vorüberging und sprach ihn an.
„Kann ich mal einen Blick auf deine Uhr werfen?„
Ohne zu murren schob der junge Mann bereitwillig seinen linken Ärmel zurück und legte für Dika seine Armbanduhr frei. Auch Nemo konnte trotz der beachtlichen Entfernung problemlos die Zeit ablesen.

Sie zeigte viertel nach Zwölf an.

Dika bedankte sich höflich bei dem Mann und als dieser in der Masse verschwunden war, schaute sie Nemo siegesgewiss an, so, als wenn sie es ja schon immer gewusst hätte.

„Hast du die Uhr gesehen?„
„Ja, und?„
„Nun ja, das ‚Und’ wüsste ich auch gerne. Tatsache ist, ich kann die Uhrzeit auf deiner Uhr nicht erkennen und du nicht auf meiner. Aber anscheinend ist es für uns kein Problem, jede andere Zeit auf Uhren in diesem Raum abzulesen.„

Nemo überprüfte Dikas Theorie mit ein paar flüchtigen Blicken um sich herum. Sie schien Recht zu haben.

„Ich hoffe, dass ich dir trauen kann.„ Sie wirkte wieder ernster.
Wessen Traum war das denn hier? Ihrer oder seiner? Und dieses durchaus nicht unhübsche Phantasiegespinst neben ihm, das ja noch nicht einmal komplett war mit ihrer unablesbaren Uhr, nahm sich heraus, ihn, den Initiator und Erschaffer von diesem allem um sie herum, als vielleicht nicht vertrauenswürdig einzustufen? Da hörte sich doch alles auf. Wo blieb bloß dieser verdammte Wecker mit seinem überfälligen Einsatz?

Nemo schnappte nach Luft. „Und wer sagt mir, dass ich dir trauen kann?„
„Hmm ...„ Sie wirkte nachtdenklich.
„Da hast du natürlich recht. Aber über dieses Problem können wir uns später noch unterhalten. Wenn wir mehr wissen.„
„Mehr wissen worüber?„
„Ist dir eigentlich sonst nichts aufgefallen an diesem Ort hier?„ Sie betonte das Wort ‚Ort‘ so, als sei es etwas ausgesprochen Ekelhaftes.

Da Nemo nicht wusste, worauf Dikas Frage abzielte, zog er es vor zu schweigen.

„Na, zum Beispiel, dass wir uns ganz normal unterhalten können. Ich war schon viele Male in Discos, aber noch nie war es mir möglich gewesen, mehr als drei vollständige Sätze zu brüllen, bevor ich heiser wurde. Und hier und jetzt? Als wenn wir uns nachts im tiefen Wald treffen würden. Ich kann zwar die Musik so laut hören wie immer, aber dich höre ich genau so laut und deutlich. Witzig nicht wahr?„
Nemo versuchte sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn er Dika nachts allein im Wald begegnen würde. Das wäre doch ein Thema für einen schönen Traum gewesen. Wenn er ihr den Weg nach Hause hätte zeigen können und sie ihn zum Dank noch auf ihr Zimmer eingeladen hätte, zu einer Tasse heißer Schokolade zum Beispiel. Aber stattdessen das hier.

Das mit der Musik fiel ihm jetzt zwar auch auf, aber es bekümmerte ihn nicht weiter. Was erwartete sie denn? Dann bräuchte man ja gar nicht erst träumen, wenn eh alles so war, wie in der Wirklichkeit.
Leise murmelte Nemo vor sich hin: „Das träume ich doch alles nur ...„

Dika wisperte zurück. „Vielleicht hast du recht.„

Nemo zuckte zusammen. „Womit habe ich recht?„
„Na ja, damit, dass du das alles nur träumst.„
„Das verstehe ich nicht„, gab Nemo offen zu.
„Vielleicht kannst du es auch gar nicht verstehen. Höchstwahrscheinlich träume ich dich auch nur. Oder ich träume nicht und rede Unsinn. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich weiß nur nicht so recht, ob ich es bin, oder die Welt um mich herum, oder ...„ Sie stockte und verfiel wieder in ihre apathisch abwesende Haltung.

Dem letzten Gedanken konnte Nemo sich nur anschließen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es würde nicht das letzte Mal sein, dass er dieses dachte.

Vor allem, was fiel diesem Trugbild ein, seine Gedanken auszusprechen? Hielt selbst sein eigenes Gehirn ihn für unfähig, für sich selber zu denken und zu handeln? Er entschied sich dafür, derartige Auswüchse seines Geistes zu ignorieren.

Dika schien wieder aus ihren Gedanken zu erwachen: „Aber egal, ich muss mit jemandem reden, sonst werde ich noch verrückt. Und wenn ich es schon bin, dann ist es auch egal.„
Nemo stützte gelangweilt seinen Kopf auf seine gefalteten Hände und hörte ihr teilnahmslos zu.
„Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein„, fuhr Dika fort.
Nemo nickte verständnislos und murmelte irgendetwas vor sich hin. Dika achtete nicht darauf. Sie war viel zu sehr mit ihren Ausführungen und ihren Gedanken darum herum beschäftigt.
„Bis vor einigen Minuten war ich nämlich der festen Überzeugung gewesen, dass ich zu Hause in meinem Bett liegen würde und die Disco längst verlassen hätte. Da hatten wir ja auch schon nebeneinander gesessen, du erinnerst dich?„
Nemo nickte und murmelte.
„Und plötzlich, eins, zwei, drei, als wenn es die normalste Sache der Welt wäre, sitze ich wieder hier. Alles um mich herum ist wieder so wie noch vor anderthalb Stunden. Als hätte ich nie die Disco verlassen. Abgesehen von ein paar ‚Fehlern’, die in irgendeiner undurchsichtigen Weise alle mit dir zusammenzuhängen scheinen. Deshalb erzähle ich dir das überhaupt alles. Kannst du mir noch folgen?„
Nicken, Murmeln. ‚In den Wald wäre ich dir jederzeit gefolgt, ohne verwinkelte Gehirnakrobatik’, dachte Nemo.
„Und wenn es wirklich ein Traum ist, dann ist es ein verdammt ungewöhnlicher und ein verdammt realistischer, wie ich ihn noch nie erlebt habe.„
Nemo ließ das völlig kalt. Er kannte das alles schon zur Genüge. Schließlich war das, was da neben ihm saß, einzig die Personifizierung seiner Gedanken, überzogen mit dem Körper von Dika. Und Sigmund Freud hätte ihm mit Sicherheit noch eine sexuelle Verfehlung in seiner Kindheit angehängt - zu langes Saugen an der Mutterbrust oder ein versehentlicher Biss in selbige. Die Möglichkeiten waren grenzenlos. Darauf konnte Nemo ruhigen Gewissens verzichten.

Aber vielleicht konnte er es doch noch etwas interessanter gestalten.

Er beachtete das erwartungsvolle Gesicht Dikas gar nicht, sondern ging gleich zum Wesentlichen über, so wie er es schon von Anfang an geplant hatte: „Sag mal, Dika, magst du mich eigentlich?„
Die Frage machte ihm überhaupt nichts aus. Warum auch? Schließlich waren die Gedanken frei und es hörte ihn ja niemand.
Die Erwartung wich der Enttäuschung auf Dikas Gesicht. Diese Frage war ganz eindeutig nicht das, was sie erhofft hatte. Sie bewegte ihren Kopf so, als wenn sie einen absurden Gedanken abschütteln wollte und verfiel wieder in den alten, seelenlosen Blick.
Nemo beschlich das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. Träume konnten schon verflucht eigenwillig sein.
„Komm, nun sei doch nicht gleich beleidigt„, versuchte er Dika wieder zum Leben zu erwecken. „Ich mag dich und ich weiß nicht, wann dieser Traum zu Ende ist. Deshalb wäre es doch nett, wenn wir uns noch bis dahin ein wenig die Zeit vertreiben würden„, schlug er vor.
Was machte er da eigentlich? Er versuchte tatsächlich, eine Traumfigur, ein Hirngespinst, eine Ausgeburt von biologischen Reaktionen, dazu zu überreden, sich mit ihm zu unterhalten.

Seine Worte schienen jedoch Eindruck gemacht zu haben, denn in Dika kehrte das Leben zurück.

Nemo bemerkte ihre Unentschlossenheit. Nach kurzem Zögern und mit einem Lächeln wandte sie sich abermals Nemo zu.
„Weißt du, ich habe keine Ahnung, was das hier alles soll, ob du mich verarschst, ob die ganze Welt mich verarscht oder ob wir alle verarscht werden. Ist mir inzwischen auch ziemlich scheißegal, aber da du hier der Einzige zu sein scheinst, mit dem man wenigstens so tun könnte, als ob man sich mit ihm unterhielte, ist es wohl die einzige Möglichkeit, etwas Licht in diese Angelegenheit zu bringen.„ Sie holte tief Luft. „Du fragtest, ob ich dich mag? Okay ..., ich ...„

Nemo hörte aus weiter Ferne ein leises Brummen. Das Brummen wurde schnell lauter und lauter und entwickelte sich innerhalb von Sekunden zu einem tosenden Brausen. Alles um ihn herum begann jäh zu wackeln und zu zerfließen. Da, wo gerade noch Dika gesessen hatte, befand sich jetzt nur noch ein wahlloses Durcheinander an Farbklecksen, welche kleine und große Kreise bildeten, die wilde Veitstänze vor seinem Auge aufführten. Das Brausen übertönte mittlerweile alles andere.

Als Nemo seine Augen aufschlug, blickte er in die rot-zuckenden Leuchtziffern seines Radioweckers, die hämisch lachend ‚Aufstehen, Aufstehen’ zu brüllen schienen. Aus dem Lautsprecher hörte er noch die letzten Worte eines Sprechers mit überfröhlicher Stimme: „Ihr morgendlicher Staupilot wünscht weiterhin gute Fahrt ...„

Er hatte das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben.

Erscheinungsdatum: September 2008
Preis: 12,90
Seiten: 220
ISBN: 9783837058086

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