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Kapitel II

Mit dröhnendem Kopf schlich Nemo in Richtung Arbeit. Das Wochenende war wieder einmal viel zu schnell vorübergegangen. Er hatte sich den gesamten Sonntag über wie gerädert gefühlt und war nicht aus seinem Schlafanzug herausgekommen. Er hatte nur so dagelegen und versucht zu träumen. Aber selbst dafür war er noch zu schwach gewesen. Und wie es gewöhnlich bei Sonntagen war, konnte er auch dieses Mal abends erst nach stundenlangem Ringen mit der Nacht in den Schlaf finden - womit er das abgespannte Gefühl zum Montag hinüberrettete. Wer den Montag zum Arbeitstag erklärt hatte, musste ein Idiot gewesen sein.

Seine Freude war auch sonst nicht groß gewesen, wenn er das hoch gewachsene Gebäude vom Wagen aus auf sich zukommen sah – bedrohlich, ein schier übermächtiger Feind. Dort arbeitete er.
Er hasste seinen Job. Aber wenn er das jemandem erzählte, erntete er nur Unverständnis. Er solle doch glücklich sein, in dieser rauen Zeit überhaupt Arbeit bekommen zu haben. Und dann noch etwas so Krisensicheres. Er solle mal nicht so eingebildet sein und stattdessen die Arbeitslosenstatistiken lesen. Und wie viele müssten mit noch weniger Geld nach schweißtreibender Tätigkeit auch noch eine komplette Familie durchfüttern?

Als wenn Geld die einzige Erfüllung des Lebens wäre.

So fügte er sich in sein Schicksal und hoffte auf bessere Zeiten.
Er atmete einmal tief durch, als er vor der riesigen Glasdrehtür stand und ging es frischen Mutes an. Ein freundlicher Gruß in Richtung Pförtner, der ihn wie immer beflissentlich übersah und schon stand er mit fünf anderen in einem engen und stickigen Aufzug. Von denen kannte er niemanden und bei diesem Typ Mensch war es auch gut, wenn man ihn nicht genauer kannte. Zumindest nicht beruflich.
Eigentlich kannte er kaum einen von den über hundert fest angestellten ‚Kollegen’. Gewiss, mit einigen konnte er ab und zu ein paar nette Worte wechseln, aber Freundschaft? Nein. Er hätte auch gar nicht gewusst, worüber man hätte reden sollen.
Der Vorstand der Versicherung, in der er arbeitete, war streng darauf bedacht, das Arbeitsklima so unangenehm wie möglich zu halten. ‚Ein glücklicher Angestellter ist leichtsinnig, macht Fehler und neigt zur Gutmütigkeit. Und das ist das Letzte, was eine Versicherung brauchen kann.‘
Schon die kahlen Fertigbetonwände ließen einen trotz ganzjährig gleichmäßigen 22 Grad frösteln. Und das Großraumbüro, in dem Nemo seinen Platz hatte, schien wie einer Geschichte von Orwell entsprungen. Der perfekte Kapitalismus. Vollendetes Klischee.

Das Schlimmste aber waren die hauchdünnen, grellweißen Plastiktrennwände zwischen den Arbeitsplätzen. Nur zu einer Seite war es möglich, dem neun Quadratmeter großen Gefängnis zu entfliehen. Ein kleines Fenster zur Rechten war wohl vor allem zum Stromsparen in die Wand gehauen. Und wenn man sich ein wenig verrenkte, konnte man sogar ein Stück vom Himmel erspähen.
Die graue Vase darunter hatte sein Vorgänger hier vergessen. Einer Blume wollte er dieses Ambiente lieber nicht zumuten. Eine traurige Gestalt war für dieses Zimmer genug.

Unterhalten konnte man sich nur in der Mittagspause. Die Kantine im Keller war gefühlt noch kälter als der Rest des Gebäudes, mit dem Mief von dreißig Jahren gleichen Essens. Sie erlaubte es einem, den Drang nach Nahrungsaufnahme auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Auch wieder eine Art der Kostenersparnis.

Klar gab es noch Schlimmeres. Sein Job war zwar eintönig, aber doch sehr einfach und bestand zum größten Teil aus Handlangerdiensten und kurzen Recherchen.
Jeder Müllmann erlebte mehr, verdiente aber auch weniger. Obwohl Abfallwirtschaft ebenfalls eine krisensichere Sparte der Gesellschaft war. Da lag das Geld tatsächlich noch auf der Straße. Man musste nur Doofe finden, die es für einen aufhoben.
Wenn er dann in der Kantine saß, lustlos in dem faden Essen herumstocherte, das zur Belustigung der Mitarbeiter mal Fleisch, mal Nudeln genannt wurde, träumte er davon, einen Menschen zu finden, der besser kochen konnte und für den es sich lohnen würde, nach Hause zu kommen.

Nemo war noch jung und er hoffte, dass diese Versicherung nur der Übergang zu einem besseren Leben wäre. Vielleicht würde er sogar noch mal studieren.
Der Traum der vergangenen Nacht gab ihm Hoffnung. Warum konnten nicht die Träume die Realität sein und die Wirklichkeit der Traum? Blöde Einteilung war das.

Erscheinungsdatum: September 2008
Preis: 12,90
Seiten: 220
ISBN: 9783837058086

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