Kapitel III
Wahrscheinlich war es purer Zufall, dass er sie gerade heute wieder traf, wenige Stunden nach den wirren Eskapaden seines mit Sicherheit von den besten Grundsätzen geleiteten Gehirns. Normalerweise traf er sie vielleicht einmal in 14 Tagen, und meist auch nur, wenn er es provozierte. Und nun plötzlich zum zweiten Mal innerhalb von 48 Stunden. Aber sagt man nicht, dass das gesamte Leben ein gigantischer Zufall sei?
So etwas kam vor, und er hätte diesem Ereignis auch keine sonderliche Bedeutung zugemessen, wenn ihm nicht schon wieder diese Augen aufgefallen wären. Sie waren so, wie er sie in seinem Traum gesehen hatte und so völlig anders, als er sie von vorher kannte.
Er musste sie ansprechen. Etwas, was gar nicht seine Art war. Erst recht nicht, wenn sie über eine Truhe in der Kühlwarenabteilung gebeugt stand und er der Nächste in einer erschreckend langen Schlange an der Kasse war.
Freundlich lächelte er der verdutzt und genervt dreinschauenden Verkäuferin in ihr aufgequollenes Antlitz, als er ihr die Schachtel Frühstücksflocken wieder entriss und damit begann, auch seine restlichen Waren wieder vom Band in seinen Einkaufskorb einzuladen.
Er entschuldigte sich mit einem rücksichtsvollen ‚Äh ...’ und zwängte sich mit geducktem Kopf an der Schlange hinter ihm vorbei. Ein Unterfangen, das sich mit dem annähernd gangbreiten Wagen zu einem Verdrängungswettbewerb entwickelte. Sobald er etwas Luft um sich herum fand, ließ er den Einkaufswagen stehen und eilte auf Dika zu, die unbeirrt in der Kühltruhe wühlte. Noch im Laufen wunderte er sich, wie er ihre Augen überhaupt aus dieser Entfernung hatte erkennen können.
Als er näher kam, verlangsamte er seine Schritte, versuchte wie ein Biathlet seinen Puls zu beruhigen und kam schließlich direkt neben ihr zum Stehen. Einen kurzen Augenblick schaute er ihrem Treiben in der Truhe zu, bis er sich traute, sie anzusprechen: „Hi! Kann ich dir irgendwie helfen?„
Wie als wenn sie einen Verstorbenen aus seiner Gruft heraus gehört hatte, zuckte Dika zusammen. Laut polternd fiel eine tief gefrorene Hähnchenkeule zurück zu ihren Leidensgenossen, prallte einige Male kreischend zurück, um zwischen dem nicht minder harten Gemüse unsanft ihr neues Bett zu finden. Dika wäre ihr hinterher gestürzt, hätte Nemo sie nicht zurückgehalten.
Mit der Kraft eines beim Schlafen ertappten Nachtwächters schnellte sie hoch und fixierte Nemo. Er blinzelte in ein Gesicht, das Ähnlichkeit mit dem eines hektisch nach Luft schnappenden Karpfens hatte. Und das kleine Pflaster über ihrem rechten Auge war auch neu.
Nur ganz allmählich entspannten sich Dikas Gesichtszüge wieder. Zögerlich zog Nemo seine Hand von ihrer Taille.
Sie ergriff ihre Stirn, um von dort aus verlegen durch ihr Haar zu streichen. „Oh, entschuldige bitte, ich bin etwas überrascht, dich hier zu sehen.„
Wenn das nur ein Etwas-Überrascht-Sein war, dann wollte Nemo nicht wissen, was denjenigen erwartete, der sie wirklich zum Staunen brachte.
„Das freut mich. Es kommt nicht so oft vor, dass Frauen in Gefriertruhen stürzen, wenn sie mich sehen.„ Nemo lächelte verlegen. Sie starrte ihn nur nichtssagend an, so wie sie es auch Samstagnacht in seinem Traum getan hatte. Als wenn sie erwarten würde, dass er jeden Moment mit einem dumpfen ‚Buff‘ in einer Wolke entschwinden würde.
Sie schien etwas sagen zu wollen, machte aber einen Rückzieher. Nur ihre Lippen bewegten sich zitternd lautlos im Raum. Schließlich versuchte sie es doch. „Du bist Nemo, nicht wahr, ‚wie der 20.000 Meilen unter dem Meer’?„
Nemos Hand verkrallte sich tief in die Folie eines eiskalten Schlemmerfilets.
Woher hatte sie das wissen können? Natürlich, er war nicht Rumpelstilzchen und seinen Namen hätte sie von sonst wo her wissen können. Aber diesen Spruch mit dem Meer, nicht sonderlich originell, aber doch dazu geeignet, ihn anderen vorwegzunehmen? Und sie hatte ihn seltsam betont, als ob sie etwas damit sagen wollte.
Es konnte nicht schaden, wenn er unschuldig nachfragte - nur zur Beruhigung, so, als wenn es die normalste Sache der Welt wäre: „Ja, genau. Du weißt nicht zufällig, wie viel Uhr es ist? Nur mal so geschätzt ...„
Nemo wurde enttäuscht. Dika hatte die Frage ungerührt hingenommen, so, als wenn er sich ernsthaft nach der Zeit erkundigt hätte.
Ihre Replik ließ ihn seinen Glauben an die Rundheit der Welt verlieren.
„Ich kann bei dem Licht hier so schlecht das Zifferblatt erkennen, aber ich tippe so auf halb zwei, vielleicht aber ist es auch schon zwei, oder gar erst viertel nach zwölf?„ entgegnete Dika ungerührt, als wenn sie sich nicht im Geringsten der Tragweite ihrer Worte bewusst wäre.
Zum Zeichen, dass er nicht wusste, was er tun sollte, machte er das, was ihm in dieser Situation am Sinnvollsten vorkam: Er tat gar nichts - außer, dass er seine Stirn in Falten legte, die Augenbrauen dreieckig zusammenzog und mit den Augen rollte.
Dika schien die Zeichen zu verstehen. Sie ergriff die Initiative.
Ganz ruhig sprach sie zu Nemo, so, als wenn es sich um eine Verabredung zum Kino handeln würde: „Ich glaube, wir haben einiges zu bereden. Was hältst du davon, wenn wir das woanders tun würden. Irgendwie erscheint mir dies nicht der richtige Ort für solche …„ sie stockte, „Gespräche zu sein.„
Nemo konnte nur nicken. Er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, als dass er hätte widersprechen können. Außerdem hatte sie recht. Freud hatte seine ‚Traumdeutung’ ja auch nicht zwischen den Mikrowellen-Kartoffeln und der Pizza Margaritha für den einfachen Hausmann zu 1,19 Euro geschrieben.
So zog er seine inzwischen blau angelaufenen Finger aus dem Schlemmerfilet und folgte Dika zum Ausgang - vorbei an seinem Einkaufswagen, den mittlerweile die Schlange an der Kasse erreicht hatte und zu heftigen Diskussionen über die Rücksichtslosigkeit einiger Menschen unter den anderen Kunden Anlass gab. Erst gegen Abend würde sich ein Mitarbeiter trauen, ihn bei Seite zu stellen.
Erscheinungsdatum: September 2008
Preis: 12,90
Seiten: 220
ISBN: 9783837058086
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